Im Jahre 2000 jährte sich die erste urkundliche Erwähnung des Ortes Schevenhütte zum 475. Mal. Mit Datum vom 28. Oktober 1525 schreibt die Amtsstube des Jülicher Herzogs Johann III von Kleve-Jülich-Berg (1490 1539) seinem Amtmann in Düren sinngemäß: "Wir haben Kerstgen Johaes, wohnhaft auf der Schevenhütte den Befehl gegeben, etliche Kugeln für unser Geschütz zu gießen."

Urkunde aus dem Jahre 1525
Als dieser Auftrag erteilt wurde, betrieben die
Eifeler Reidmeister schon fast 2 Jahrhunderte Eisenguß mittels
Hochöfen. Im 14. Jahrhundert verdrängte diese Technik das Rennfeuer,
und zwecks Nutzung der Wasserkraft zogen die Hütten von den Höhen in
die Täler. Dieser Trend, der zu bekannten und früh dokumentierten
Hüttengründungen wie z. B. Eisenschmitt und Eiserfey bereits Anfang
und Mitte des 14. Jahrhunderts führte, muß auch in Schevenhütte
zu diesem Zeitpunkt stattgefunden haben.
Die Anfänge in
Schevenhütte gehen aber noch weiter zurück: Ausgrabungen belegen,
daß schon in der Eisenzeit in der Eifel Eisen verarbeitet wurde. Die
erste Verhüttungsanlage nördlich der Eifel entstand im 7. Jahrhundert
vor Christus in Hillesheim; bei Bitburg findet sich eine Eisenschmelze, in der
zur Römerzeit in fast schon industriemäßiger Weise das Metall
geschmolzen und verarbeitet wurde. Neben Ausgrabungen zweier Schutzanlagen aus
der Eisenzeit und der karolingischen Zeit (8./10. Jahrhundert) wurden kurz vor
Fertigstellung der Wehebachtalsperre mindestens 7 Schmelzöfen aus
römischer Zeit im Tal der Wehe identifiziert.
Als zwischen dem 11.
und 15. Jahrhundert aufgrund verschiedener Katastrophen und Seuchen die
Bevölkerung in Deutschland um ca. 30% zurückging, kam es zum
Preisverfall von landwirtschaftlichen Produkten und erheblichen
Preissteigerungen bei handwerklichen Produkten. Die rasch wachsenden
Städte hatten auf diese Entwicklung einen erheblichen Einfluß, denn
sie waren die Hauptabnehmer dieser gewerblichen Produkte und forderten den
ländlichen Eisenbetrieben immer größere Produktionsmengen ab.
Diese Entwicklung wurde frühzeitig von den Reidmeistern erkannt.
Wurde
anfänglich Eisen vor Ort vom Schmied in einem Rennofen vermutlich selbst
für den Eigenbedarf hergestellt und anschließend bis zum Endprodukt
verarbeitet, muß sich um die Zeit der Städtebegründungen der
Wandel zur Spezialisierung ergeben haben. Die Reidmeister mit ihren speziellen
Kenntnissen führten somit im 14. Jahrhundert die Massenherstellung von
Eisen ein.
Bei den frühen Eisengewinnungsverfahren wurde Eisenerz mit
einem Eisengehalt von bis zu 40% nach dem Rennfeuerverfahren verarbeitet. Die
Rennfeueröfen bestanden meist aus Gruben (Rennherde) oder einfachen
Schachtöfen (Rennöfen, ca. 1 Meter hoch), die aus Lehm oder Steinen
errichtet wurden. Die Erze wurden mit glühender Holzkohle und
natürlichem Luftzug bzw. Luft aus dem Blasebalg reduziert. Versuche
ergaben, daß zur Gewinnung von einem Kg Eisen ca. 30 Kg Holzkohle
erforderlich waren. Das reduzierte Eisen (Renneisen) sammelte sich am Boden des
Ofens in Form von Luppen, d. h. als feste bis teigige Eisenklumpen, die noch
stark mit Schlacke versetzt waren. Aus der eisenreichen Schlacke wurde die
Eisenkügelchen ausgelesen, erneut erhitzt und anschließend so lange
gehämmert, bis das schmiedbare Roheisen ausreichend von der Schlacke und
der restlichen Holzkohle gereinigt war und weiterverarbeitet werden konnte. In
diesen Öfen wurden nur Temperaturen von ca. 1200 Grad C erreicht, Eisen
schmilzt aber bei 1539 Grad C. Das Erz schmolz nicht, es "zerrann" (daher die
Bezeichnung Rennofen).
In Schevenhütte waren die Voraussetzungen
für Eisenerzeugung gut. Erze wurden entweder vor Ort gefunden oder kamen
aus nicht weit entfernten Förderungsstätten wie z. B. Vicht, Zweifall
oder Gressenich. Holz aus den umliegenden Wäldern für die Herstellung
der Holzkohle war reichlich vorhanden. Wasser zum Betrieb der Hämmer und
Blasebälge spendete der Wehebach, und ein uralter Verkehrsweg durch den
Ort ermöglichte den An- und Abtransport.
Auch Arbeitskräfte
waren vermutlich reichlich vorhanden: neben Fachkräften beschäftigten
die Reidwerke ("Reiten" bedeutete "zurüsten", "fertigmachen", "
zubereiten") und ihre Nebenbetriebe auch eine große Anzahl ungelernter
Arbeiter für die Holzkohle- und Erzgewinnung sowie den Transport dieser
Güter. Es ist anzunehmen, daß die Landbevölkerung diesen
Arbeiten wegen der verfallenden Preise für die Agrarproduktion gerne
nachging, um den Lebensunterhalt zu sichern.
Die Reidmeister hatten die
Kontakte zu den Absatzmärkten und insbesondere zur Obrigkeit, die diese
neue Einkommensquelle gerne sah und diese positive Entwicklung tatkräftig
unterstützte. Die Einnahmen aus den Reid- und Hammerwerken war eine
willkommene Ergänzung der Finanzen, die aufgrund schrumpfenden
ländlichen Abgaben sehr gelitten hatten.
Diese Entwicklung hatte
aber auch Schattenseiten. Mit Erfindung der neuen Hochöfen stieg der
Energiebedarf der Eisenhütten rapide an: um 15 Kg Eisen zu gewinnen,
mußten nun 23 Kubikmeter Holz verfeuert werden! Ganze Wälder wurden
von den Köhlern in kurzer Zeit verkokelt, und schon damals versuchten
einsichtige Landesherren per Erlaß, den Raubbau der natürlichen
Ressourcen einzuschränken.
Die Reid- und Hammerwerke waren auf die
Nutzung der Wasserkraft angewiesen und konnten nur in regenreichen Monaten
produzieren, Hochwasser und starker Frost führte oft dazu, daß nicht
mehr gearbeitet werden konnte.
Die Hammerwerke befreiten mit den
schweren, mechanisch arbeitenden Auswurf- oder Rohstahlhämmern die im
Stückofen aus Eisenerz und Holzkohle zusammengeschmolzenen Rohlinge von
Schlacken. Später wurden die Hämmer auch zum Recken und Breiten von
Rohmaterial benutzt und brachten so die gewonnenen Rohlinge in die
gewünschte Form.
Im Jahr 1895 verfasste der Pfarrer Anton Bommes
einen Aufsatz mit dem Thema "Zur Geschichte des Ortes Schevenhütte im
Landkreis Aachen". Dort heißt es: " ... von denen noch zwei bis jetzt
teilweise erhalten sind, der eine am sogen. Hammer nördlich und der andere
am Joaswerk südlich am Eingang des Ortes." Und weiter: "Jedoch waren noch
bis zum Jahr 1849 zwei Eisenhämmer zum Schmieden des Eisens, welche von
der Wasserkraft des Wehebaches angetrieben wurden, in Betrieb; desgleichen ein
Eisenschmelzofen mit Giesserei bis zum Jahre 1870, der in der Mitte des Dorfes
auf dem sogen. "Hüttenplatz" (heute gegenüber der Gaststätte
"Waldfriede") stand und im Jahre 1889 niedergelegt wurde".

Aus seiner Erinnerung zeichnete Eduard Averdung
1950
diese Ansicht der Reste eines Schevenhütter Hammers
1735 beschickte der britische Hüttenfachmann
Abraham Darby (1711 1763) erstmals einen Hochofen mit Koks zur Reduzierung des
Eisenoxids, nachdem er ein Verfahren zur Verkokung (Kohleentgasung) entwickelt
hatte. So konnte Eisen mit der wesentlich preiswerteren Steinkohle produziert
werden. Raubbau an den Wäldern mit der daraus resultierender Verknappung
des Energieträgers Holzkohle und erhöhte Transportkosten waren
weitere Gründe für den Niedergang der hiesigen Eisenindustrie. Die
Übernahme des Rheinlandes durch Preußen 1815 mit dem dadurch
bedingten Verlaust von Absatzmärkten haben wohl ebenfalls dazu
beigetragen.
Auch Heinrich (Henri) Hoesch III (1800-1879) seine Familie
gründete den späteren Weltkonzern besaß Anteile an der
"Schevenhütte", die sich gegenüber der heutigen Gaststätte
"Waldfriede" befand. Seine Nachfahren versuchten, die Reste der alten
Hütte samt Grundstück für den geplanten Kirchenneubau in
Schevenhütte zu verkaufen. Ausgeschlossen vom geplanten Verkauf war das
große eiserne Rad, das Wehr sowie die ganze bis dahin besessene
Wasser-gerechtsame.
Johannes Tilman Joseph Esser (1782-1855) war der
letzte Reidmeister von Schevenhütte. Er sah die Abwanderung und den
Niedergang der heimischen Hütten- und Hammerwerke zu den großen
Kohlefundstätten und den ergiebigeren Erzlagern.
Als Esser um die
Mitte des 19. Jahrhunderts den Kampf um die Durchhaltung des Hüttenwerkes
aufgeben mußte, verblieb ihm die Gießerei, zu deren Erhaltung er
wieder außerordentliche Anstrengungen machte.
Doch zurück
zur ersten urkundlichen Erwähnung des Ortes Schevenhütte:
Der
interessierte Leser mag sich fragen, warum die erste Erwähnung erst 1525
stattfindet?
Die ersten noch erhaltenen Wehrmeisterei-Rechnungen stammen
aus diesem Jahr. Sie befinden sich zum großen Teil im Hauptstaatsarchiv
Düsseldorf.
Die Schevenhütter Eisenproduktion wird bereits im
ersten Rechnungsjahr genannt und hatte da schon so einen guten Ruf, daß
der Herzog sie für die Waffenherstellung in Betracht zog. Somit muß
der Ort schon wesentlich früher existiert haben; wäre die
Wehrmeisterei bereits wesentlich früher entstanden, fänden sich in
den Archiven mit Sicherheit Urkunden über ein "älteres"
Schevenhütte.
| © - 1999- IG-Schevenhütte | Wolfgang H. Baumann |